"Die
Verantwortung des Menschen"

Opfer
von
Andrej Tarkowskij
Wir
schauen nur, aber wir sehen nicht. (Tarkovsky)
Ein
Artikel aus "Das Science Fiction Jahr 1988"
OPFER
ist der wichtigste Film in diesem Beitrag, weil er der intelligenteste
und dringendste ist: nicht nur eine vielschichtige Meditation über
den Zustand des Menschen am Vorabend einer vielleicht eintretenden
nuklearen Apokalypse (für die der Regisseur keine Spezialeffekte oder
Leichenberge, lediglich ein paar Wort- und Tonfetzen, ein flimmerndes
Fernsehbild und ein zerschellendes Glas Milch benötigt), sondern über
richtiges und falsches Sehen und Sprechen, Geschwatz und Tat, die
problematische Beziehung von Realitat und Phantastik (Ottos Sammlung
realer, aber völlig unerklärlicher Ereignisse), über die Ablehnung
eines immer weitere Kreise ziehenden lebensfeindlichen Materialismus
auf Kosten der einzig wahren, inneren, geistigen, natürlichen Hinwendung
des Menschen, über die "totale Abkehr von allen vordergründig-egoistischen
Belangen" (Tarkowskij), die Schuld, die man zu wenig bei sich
selbst sucht, über die Verantwortung sich selbst und seiner Umgebung
gegenuber.
Auch
wenn nur drei seiner Filme zum SF-Film gerechnet werden können (SOLARlS
und STALKER sind die beiden anderen), hat Tarkowskij wie kaum ein
anderer Filmemacher die psychologischen Möglichkeiten und Feinheiten
moderner SF auf die Leinwand gebracht. Auch wenn literarische Stoffe
zugrunde lagen, sind seine Filme sehr persönliche und eigenständige
Arbeiten mit einem an subjektiver Logik orientierten Stil über den
Menschen als seinen eigenen und einzigen Feind (handelt es sich nun
um Nazis, Tartaren, übereifrige Wissenschaftler oder Militärs, die
ihren eigenen Planeten in die Luft zu sprengen bereit sind), über
den Widerspruch von Glauben und Wissen, über die Zerstörung und Verdrängung
dessen, was wir nicht verstehen und über die Grenzen menschlichen
Handelns und Erkennens, die in ihre philosophischen und menschlichen
Dimension fur das Genre weitgehend fremdartig erscheinen.
Tarkowskij schafft ein Gefühl von Realität in seinen Filmen allein
schon dadurch, daß er Real- und Filmzeit deutlich lange neben einander
her laufen läßt (manche Einstellungen in Opfer gehören zu den längsten
der Filmgeschichte) und den Zuschauer nicht durch Schnitte oder Szenenwechsel
irritiert, manipuliert oder sogar überrumpelt, sondern ihm im Gegenteii
viel Zeit und Distanz läßt, sich in das Geschehen wie in seine eigenen
Überlegungen des Stattfindenden hineinzudenken, hineinzufühlen.
Dabei bedient er sich nur weniger vereinzelter Objekte (Haus, Auto,
Kind, Baum, lkonenbilder, Pfützen, Lampe, Glaser, Blumenstrauß), die
jedoch innerhalb ihres filmischen Univerums fühlbare Präsenz und übergeordnete
Bedeutung gewinnen. Allein das Abbilden von Räumen oder Landschaften
(von cifinen bereits Grigori; Kosinzev meinte, sie wurden "erlitten")
in superben Kombinationen und Übergangen von Licht und Dunkel, Farben
und Figuren wird bei Tarkowskij zu einer ungewöhnlich spannenden Angelegenheit,
atmet geradezu die Realität, ist Teil und Spiegel der inneren Verfassung
des Protagonisiten.
Oft hat man hier den nicht unbeabsichtigten Eindruck, man sehe die
Dinge nicht nur zum ersten Mal, sondern zum erstenmal richtig. Und
anstelle einer veräußerlichten Handlung tritt natürlich das sich entwickelnde
Bewußtsein der Hauptfigur.
Tarkowskijs radikale Kompromißlosigkeit der natürlichen geistigen
Zuwendung und Gewissenhaftigkeit des Menschen gegenüber erfordert
nicht nur unsere Bewunderung und Zustimmung, sondern unseren Einsatz
(allein sein persönlicher Weg ist ein stichhaltiger Beweis dafür):
Es ist immer das Erkennen, das Opfer des Einzelnen, worauf es ankommt
und das etwas zum Positiven verändern kann. Die absurde Tat Alexanders,
sein aus zu verbrennen und angesichts der Dummheit, Verlogenheit und
Grausamkeit seiner Zeit wie Rubljow in Stummheit zu verfallen, erscheint
einem normalen Betrachter vollkommen unverständlich --aber nur deshalb,
weil wir uns zu weit von unserer Verantwortung (die längst in Passivität
oder Gleichgültigkeit übergegangen ist) entfernt haben, Absichtserklärungen
statt Taten den Vorzug geben oder aus einer bequemen Sicherheit heraus
argumentieren können Opfer Direktangriff auf heutige Zuschauer, ob
sie es nun bemerken oder nicht.
Das
Kind symbolisiert die Hoffnung, die Zukunft wie auch eine dringend
erforderliche realistischere Sicht der Dinge, weil unsere Auffassung
der Welt ganz einfach ihren Sinn verloren hat. Wir brauchen keine
neuen Welten, wie sie die SF in unverhaltnismäßigem Übermass herstellt
und anzubieten hat, sondern eine neue Sprache, ein neues Denken, ein
neues Begreifen und Bewußtsein. Es ist kein Zufall, Dass Alexanders
Sohn seine Sprachlosigkeit erst am Ende überwindet. Am Anfang war
das Wort, warum auch ein flehender Appell an eine bessere Zukunft
in einer vielleicht bereits zu späten Gegenwart. Bisherige Sprache,
bisheriges Denken erweisen sich wie in Briefe eines Toten angesichts
des aktuellen und akuten Zustandes der von uns geschaffenen Wirklichkeit
nicht nur als unzureichend, sondern unzutreffend, sie haben ihre Bedeutung
verloren und müssen neu geschaffen werden. Als logische Konsequenz
bezeichnet der Filmhistoriker Ulrich Gregor Opfer deshalb als das,
was er seinem inneren Wesen nach darstellt, eine Herausforderung an
uns aIle. Die Besonderheit dieses Films innerhalb des SF-Genres (vorausgesetzt,
man rechnet ihn dazu) liegt darin, daß er wie kein anderer vor ihm
die Welt, in der wir leben, charakterisiert und uns schonungslos vor
die ungelosten, aber in ihrer Dringlichkeit unbedingt zu losenden
Fragen stellt (schließlich hängen unsere Existenz und unser Überleben
davon ab). Es liegt nur an uns, sich dieser real existierenden Herausforderung,
diesem Opfer zu stellen--die Form der poetischen Parabel läßt ohnehin
verschiedenen lnterpretationen und Auflosungsmoglichkeiten zu, weil
jeder mit dem Film eine andere Erfahrung macht bzw. machen muss.
Alexanders Opfer konnte die Welt retten, wie Kelvins Beichte in SOLARiS
einen wirklichen Kontakt zwischen den Menschen und dem fremden Planeten--der
für nichts anderes steht als unsere verlorgengegangene natürliche
Beziehung zu uns selbst und unserer Umwelt--herstellen konnte. Nur
braucht Tarkowskij das damalige Einführungs- oder Verbindungsstück,
den SF-Rahmen von Gibarians Eingeständnis und Warnung auf einem Bildschirm
der Raumstation, den Film im FiIm, nicht mehr: OFFRET ist sein eigenes
und direktes filmisches Vermächtnis und seine Offenbarung, und der
Empfänger weniger der Hauptdarsteller, sondern wir seibst, jeder einzelne.