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"Regen in der Nacht...Im Traum erschien mir die Welt...Frühnebel
steigt auf"
in
memoriam Andrej Tarkowskij
von Egon Sammel
"In
der letzten Zeit hatte ich viele Gelegenheiten, mit meinen Zuschauern
zu sprechen. Dabei bemerkte ich immer wieder ihre Skepsis gegenüber
meinen Beteuerungen, daß es in meinen Filmen keinerlei Symbole
und Metaphern gibt. Besonders häufig, ja geradezu leidenschaftlich
werde ich beispielsweise nach der Bedeutung des Regens gefragt. Warum
der in jedem Film vorkomme. Und weshalb hier immer wieder Wind, Feuer
und Wasser auftauchen. Derlei Fragen bringen mich regelrecht in Verwirrung.
Man kann davon reden, dass Regenfälle charakteristisch für
jene Natur sind, in der ich aufwuchs: in Russland gibt es lange, wehmütig
stimmende Regenfälle. Man kann auch sagen, daß ich nicht
etwa die großen Städte, sondern die Natur liebe, und mich
immer phantastisch fühlte, wenn ich weit weg von den Errungenschaften
der modernen Zivilisation in meinem russischen Bauerhaus lebte, von
dem es bis Moskau noch dreihundert Kilometer sind. Regen, Feuer, Wasser,
Schnee, Tau und Felder sind Teile des materiellen Milieus, in dem wir
leben, eine Wahrheit des Lebens, wenn man so will. Deshalb mutet es
mich auch so seltsam an, wenn ich höre, daß Menschen die
doch keinesfalls unbeteiligt ins Filmbild gebrachte Natur nicht einfach
geniessen, sondern darin nach irgendeinem verborgenen Sinn suchen. Im
Regen kann man natürlich einfach nur schlechtes Wetter sehen, während
ich ihn etwa in einer bestimmten Weise als ein ästhetisierendes
Milieu benutze, das die entsprechende Filmhandlung prägt. Doch
das bedeutet doch um Gottes willen noch lange nicht, daß die Natur
in meinen Filmen irgend etwas symbolisieren soll!
ln kommerziellen Filmen scheint es meist gar kein Wetter zu geben. Dort
steht alles im Zeichen hervorragender Licht- und interieur-Verhältnisse
für schnelle Dreharbeiten. Alles lauft hier nach dem Drehbuchsujet
ab, und niemand regt sich uber die Klischees eines nur so ungefähr
reproduzierten Milieus, über die Vernachlässigung von Details
und Atmosphäre auf. Wenn dann aber das Kino dem Zuschauer die tatsächliche
Welt nahebringt, es ihm ermöglicht, sie in ihrer ganzen Fülle
zu betrachten, sie gleichsam zu riechen, auf der Haut ihre Feuchtigkeit
oder Trockenheit zu spüren, dann stellt sich heraus, daß
dieser Zuschauer schon längst die Fähigkeit eingebußt
hat, sich diesem Eindruck einfach emotional, in unmittelbar ästhetischem
Sinne hinzugeben. Statt dessen muß er sich ständig einer
Kontrolle unterwerfen und prüfen nach dem "Warum, Weshalb,
Weswegen" fragen
- Dabei
liegt der eigentliche Grund doch nur darin, daß ich auf der Leinwand
meine eigene ldealwelt möglichst vollkommen zeigen will, und zwar so,
wie ich selbst sie fühle und empfinde. lch verstecke vor dem Zuschauer
keine besonderen Absichten und kokettiere nicht mit ihm. lch zeige ihm
die Welt so, wie sie mir am ausdrucksvollsten und präzisesten erscheint.
So, wie sie den nicht greifbaren Sinn unserer Existenz für mich am besten
zum Ausdruck bringt"
So der am
4. April 1932 in Zawrashje an der Wolga als Sohn des Lyrikers Arseni Tarkowski;
und der später als Korrektorin arbeitenden Maja lwanowna Wischnjakowa
geborene russische Filmpoet Andrej Tarkowskij. 1935 verließ Arsenij Tarkowskij
seine Frau, seinen Sohn und die jüngere Tochter Marina. Die nunmehr vaterlose
Familie zog nach Moskau. Dort begann fur den siebenjährigen Andrej 1939
der Schulalltag, unterbrochen von der im Verlauf des Zweiten Weltkriegs
notwendig gewordenen Evakuierung. Nach der Absolvierung einer Moskauer
Musikschule sowie der Kunstschule (1950) und einem abgebrochenen Studium
am lnstitut fur Orientalistik, nahm Tarkowskij an einer geologischen Forschungsexpedition
des Kirgisischen Goldinstituts in das Gebiet um Turuchansk an der ienisse;,
gelegen zwischen Westsibirischem Tiefland und Mittelsibirischem Bergland,
teil. Zurück aus der Taiga, bewarb er sich 1954 am VGlK (Vsesojuzny; Gosudarstvenny;
lnstitut Kinematografii), dem 1919 gegründeten Staatlichen Allunionsinstitut
fur Kinematografie in Moskau, wo er bis 1960 unter Michail Romm studierte.
Tarkowskijs Diplomarbeit war zugleich sein erster Spielfilm: DIE STRASSENWALZE
UND DlE GElGE (Katok i skripka). Mit dem zweiten, IWANS KlNDHElT (lwanowo
detstwo), errang er 1962 auf der Biennale in Venedig den "Goldenen
Löwen". Darauffolgend entstanden in der Sowjetunion weitere vier
von Mosfilm produzierte und im europäischen Ausland von Cineasten und
der Kritik gleichermassen geschätzte Arbeiten, allen voran ANDREJ RUBLJOW
und STALKER. Hingegen--die bittere Wahrheit des Spruches bestätigend:
Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande--blieben sie in der UdSSR
vor allem von behördlicher Seite ungeliebt, stießen überwiegend auf Ablehnung
und kamen nur gelegentlich zur Aufführung in vereinzelten Kinos (was sich
zwischenzeitlich im Zuge der beginnenden Liberalisierung unter Michail
Gorbatschow geändert hat). Nach langerem Bemühen durfte Andrej Tarkowskij
schliesslich 1982 nach ltalien ausreisen, um dort seinen mittlerweile
siebten Film, NOSTALGHlA, zu drehen, dessen Drehbuch er zu einem grossen
Teil in seinem russischen Bauernhaus (von dem auch im eingangs zitierten
Text die Rede ist) nahe dem kleinen Dorf Mjashoje--eine Reminiszenz an
die Jahre der frühen Kinderzeit in Zawrashje--verfasste. Diesen für ihn
so wichtigen Ort der Besinnlichkeit sollte er allerdings nicht wiedersehen.
Der Querelen und Schwierigkeiten mit Goskino, dem Staatlichen Komitee
fur das Filmwesen beim Ministerrat der UdSSR, dessen Genehmigung alle
Filme vor Produktionsbeginn bedürfen und welches ihm bei jedem seiner
Filmprojekte erneut Steine in den Weg legte, überdrussig, blieb Tarkowskij
nach den Dreharbeiten zu NOSTALGHlA im Westen. Er wählte das freiwillige
Exil. Die 1986 übermittelte offizielle Einladung Moskaus, er moge in seine
Heimat zurückkehren und dort seine Arbeit fortführen, konnte er nicht
mehr annehmen. "Anatolij Solonizyn starb an derselben Krankheit,
die Alexanders Leben wendet, und heute, Jahre später, bin auch ich von
ihr befallen", schrieb der Regisseur noch wenige Monate vor seinem
Tod. Andrej Tarkowskij starb am 29. Dezember 1986 in Paris an Krebs.
Andrej
Tarkowskij
ln rund 25
Jahren schuf Tarkowski; einschließlich der Abschlussarbeit am VGlK lediglich
acht Kinofilme--ein quantitativ schmales, aber qualitativ gewichtiges
Oeuvre. Ganze vier Filme kann man, so man will, der Phantastik respektive
dem Genre des Science Fiction-Films zurechnen: SOLARlS (1972), DER SPlEGEL
(1974), STALKER (1979) und sein kinematografisches Vermachtnis OPFER (1986),
das Elemente der Phantastik mit solchen des Sci-Fi-Films vereint und in
dem sich ein letztes Mal Tarkowskijs Weltschmerz ob der sterbenden Spiritualitat
entIädt, deren vollkommener Verlust--gleichbedeutend mit der globalen
Apokalypse--nur durch ein Opfer, der Überwindung von Egoismus und materiellem
Denken, eines jeden einzelnen verhindert werden kann. OPFER ist ein filmischer
Mahnruf seines Schöpfers, der die Geschwätzigkeit und Tatenlosigkeit der
Welt beklagt. Eindringlicher als schon zuvor visuell kraftvoll im STALKER
einerseits realisiert und mehr verbal durch die Rede Domenicos in NOSTALGHlA
andererseits, warnt er vor dem Abgrund, auf den die Menschheit zutaumelt.
Mußten wir uns nicht auch angesichts des grandiosen erdumspannenden latent-suizidalen
Vernichtungspotentials, würden wir uns dessen wirklich bewusst, in ohnmachtiger
Wut, würgender Angst und existentieller Verzweiflung schreiend am Boden
wälzen, ähnlich dem hysterischen Anfall Adelaides in OPFER? Oder sollte
womöglich zutreffend sein, was Ulrich Horstmann in seinem philosophischen
Verzweiflungsausbruch "Das Untier" formuliert: "Der wahre
Garten Eden--das ist die Öde. Das Ziel der Geschichte--das ist da verwitternde
Ruinenfeld. Der Sinn--das ist der durch die Augenhöhlen unter das Schädeldach
geblasene, rieselnde Sand".
Doch Andrej Tarkowskij huldigt keinem wie auch immer geartetem reinen
Pessimismus. Der Atomkrieg findet statt und zugleich nicht statt. Der
nukleare Weltbrand wird durch Alexanders Opferbereitschaft neutratisiert,
wieder ruckgängig gemacht. Denn nur so bleibt Raum fur das Kind, für die
Hoffnung.
"lch
bin für eine Kunst, die dem Menschen Hoffnung und Glauben gibt. Je hoffnungsloser
die Welt ist, von der ein Künstler erzählt, um so deutlicher wird er vielleicht
das ihr entgegengesetzte ldeal erspüren lassen--sonst lohnt es sich nicht
zu leben"
Diesem künstlerischen
Bekenntnis bleibt der Regisseur auch mit OPFER treu, von dem er, wenn
nicht gewusst, so aber geahnt haben mag, daß es der letzte Film sein wurde.
Wohl deshalb macht er ihn zur ikonografischen Bestandsaufnahme seines
Filmschaffens und faßt darin alle ihm wichtigen Themen, Details und Motive
der vorangegangenen Werke zusammen: Beispielsweise taucht das Motiv der
Hexe (ANDREJ RUBLJOW) in OPFER ebenso auf wie das Opfer-Thema selbst (NOSTALGHIA):
die schwebende Frau (DER SPIEGEL): das Holzhaus en miniature (NOSTALGHIA)
und die Datscha als Synonym fur das Vaterhaus (SOLARiS, DER SPlEGEL) das
Fanal, die Elemente Feuer und Wasser (NOSTALGHlA und STALKER) die verschüttete
Milch (DER SPlEGEL, NOSTALGHiA) das Heiligenbild, sei es nun die lkone
"Dreifaltigkeit" des Malermönchs Andrej Rubljow (ANDREJ RUBLjOW),
der Ausschnitt "johannes der Taufer" vom Genfer Altar der Bruder
Hubert und Jan van Eyck (STALKER), das Fresko "Madonna del Partocc"
von Piero della Francesca (NOSTALGHlA) oder jetzt in OPFER Leonardo da
Vincis unvollendet gebliebene "Anbetung der Könige"--allesamt
Gemälde aus dem 15. Jahrhundert.
Tarkowskijs Filme sind die kinematografische Umsetzung einer Synthese
von Heiligenbild und Haiku, dessen Einfachheit und Präzision der Beobachtung,
dessen poetische Kraft ihn nachgerade enthusiasmierte. Der russische Auteur
hat seine mystischen, tiefgründigen Heilsgeschichten dem mehr oder minder
ergriffenen Publikum nie einfach nur präsentiert, sondern vielmehr mit
olympischer Ruhe und in vollendet schönen Bildkompositionen, zumeist dominiert
von gedämpften, bisweilen wie ausgebleicht wirkenden Farben (vornehmlich
Grün-, Braun- und Blautone), wurdevoll zelebriert. Charakteristisch unter
anderem sind die langen, gedehnten Einstellungen (zerfallende Gebaude,
regennasse Landschaften), die im Augenblick einen Hauch der Ewigkeit erfühlbar
machen, die Kamerafahrten dicht über den Boden hinweg und, gleich Sekunden
eingefrorener Zeit--man denke etwa an die Schlußeinstellung von NOSTALGHlA--,
seine schwarzweiß fotografierten orakelhaften Traumsequenzen. Mehr noch:
ln seinen Filmen schlechthin begegnet uns die Wirklichkeit verfremdet
wie im Traum.
Andrej Tarkowskij abschliessend zu OPFER: Es ist trotz allem, ist trotz
der Aussicht auf die grosse apokalyptische Stille, von der die Offenbarung
spricht, so etwas wie Hoffnung angebracht. Die Antwort darauf gibt vielleicht
die alte Legende vom geduldigen, unverdrossenen Wassern eines vertrockneten
Baumes, die ich in dem mir bisher wichtigsten Film verarbeitet habe.
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